Das Kreuz mit dem Rücken
Draußen spielen

Das Kreuz mit dem Rücken

Eltern sollten ihre Kinder häufiger nackt sehen, sagt Chefarzt Oliver Meier. Denn nur so erkennt man Rückenschäden.

Die Körperhaltung verrät viel über einen Menschen. Oft drückt er damit unbewusst aus, wie es in seinem Inneren aussieht. Wer sich für etwas „krummlegt“, leistet mehr, als ihm guttut, wer „den Kopf hängen lässt“, fühlt sich traurig oder überfordert.
Wenn es nach der schieren Anzahl jugendlicher Rückenpatienten in deutschen Arztpraxen geht, ist es mit dem Innenleben unserer Schüler nicht zum Besten bestellt: 68 Prozent der Zehn- bis 16-Jährigen, die bei einem Kinderarzt im Wartezimmer sitzen, haben Rückenschmerzen. Bei 73 Prozent wurden Haltungsschäden festgestellt.

„Eine rasante Zunahme von Rückenproblemen bei Jugendlichen“

beobachtet Oliver Meier, Chefarzt an der Werner-Wicker-Klinik im hessischen Bad Wildungen. Die Patienten der Spezialklinik für Wirbelsäulenprobleme werden immer jünger. Meier diagnostiziert „Bandscheibenvorfälle schon bei 15-Jährigen“.

Ist es der zunehmende Leistungsdruck, der die Schultern nach unten zieht und die Rücken schmerzen lässt? „Redewendungen wie ,sich krummlegen‘ sind nicht ohne Grund entstanden:
Psychischer Stress und hohe Erwartungen an sich selbst wirken sich natürlich auf den Körper aus“, sagt Oliver Meier.

Frühförderung, bilingualer Unterricht, G8 und Freizeitstress

– zum Entspannen (im wahrsten Sinne des Wortes) bleibt Kindern und Jugendlichen nur wenig Zeit. Doch nur im Liegen kann sich die Wirbelsäule wirklich regenerieren: Dann saugen die Bandscheiben wie ein Schwamm Wasser auf und dehnen sich wieder aus. Stattdessen sitzen Schüler den ganzen Tag, werden immer dicker und treiben immer weniger Sport. Eine Forsa-Studie behauptet, dass Kinder im Durchschnitt nur noch 900 Meter pro Tag gehen – das ist weniger als dreimal um einen Fußballplatz herum. Es reicht nicht aus, um die Muskulatur zu kräftigen und Rückenschmerzen zu vermeiden. Vier bis fünf Kilometer am Tag sollten es schon sein.

Kinder imitieren ihre Eltern, und die gehen oft mit schlechtem Beispiel voran, sitzen den ganzen Tag – in der U-Bahn, vor dem Computer, vor dem Fernseher. Langsam, aber sicher kommt so auch den Kindern der instinktive Bewegungstrieb abhanden. Sie kennen ja nichts anderes. Neun Stunden sitzt ein Grundschüler durchschnittlich am Tag. Und das auch noch auf Stühlen, die nur selten dem kindlichen Rücken angepasst sind.
Durch die Lümmelhaltung verkümmern schon in jungen Jahren Muskeln, die das Rückgrat
stützen sollen, andere verkrampfen sich und festigen die Fehlhaltung.

Auch die Bandscheiben haben viel auszuhalten: Während bei geradem Stehen rund 100 Kilo auf eine Bandscheibe drücken, sind es bei leicht vorgebeugter Haltung schon doppelt so viel.

Unrhythmisch und unbeweglich

Besonders problematisch ist, dass sich viele Jugendliche durch die fehlende Bewegung ihres Körpers nicht mehr bewusst sind. Das erlebt, wer im Turnverein neben Schülern in einer Gymnastikstunde schwitzt. Während selbst 60-Jährige locker bei gestreckten Knien mit den Händen zum Boden kommen, schaffen das viele Jugendliche nicht mehr. Auch rhythmisches Tanzen im Takt der Musik fällt manchen schwer.

Die Folgen sind drastisch: Sitzbuckel, Hohl- und Flachrücken, Skoliose.

Hört sich nicht nur schrecklich an, kann auch schrecklich schmerzen und aussehen:
Beim „Sitzbuckel“ (auch Rundrücken genannt) krümmt sich die Wirbelsäule im Brustbereich,
Schultern und Kopf hängen nach vorn. Der Grund ist meist eine so genannte Adoleszentenkyphose (Morbus Scheuermann), die durch eine genetisch bedingte Stoffwechselstörung entsteht und durch Bewegungsmangel und Fehlbelastung („coole“ Haltung) begünstigt wird. Vor allem pubertierende Jungs leiden darunter.

Auch am unteren Rücken kann es zu Schiefständen kommen: Das „Hohlkreuz“ ist schon
in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen – hier krümmt sich die Wirbelsäule im
Lendenbereich nach innen. Das Gegenteil davon ist der „Flachrücken“: Dabei ist die natürliche S-Form der Wirbelsäule kaum noch zu erkennen. Eine Sonderform stellt die seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule, die „Skoliose“, dar, denn sie ist meist angeboren und in der Regel nicht durch schlechte Haltung verursacht, kann aber durch mangelnde Bewegung verschlimmert werden.

Die Folgen von schlechter Haltung sind auf Dauer Rückenschmerzen.

Mehr als 80 Prozent der Deutschen leiden zeitweise darunter. Der innere Schweinehund: Dabei wäre es eigentlich ein Leichtes, etwas gegen das Ziehen im Genick und die Schmerzen im Kreuz zu unternehmen. Man muss nur wollen – und das regelmäßig. Doch die meisten werden erst aktiv, wenn der Leidensdruck schon groß ist (Bandscheibenvorfall, tägliche Schmerzen). Dabei genügen schon fünf Minuten tägliche Gymnastik.

Heimische Muckibude

„Kinder brauchen starke Bauch- und Rückenmuskeln, um die Wirbelsäule stabil zu halten“, sagt Wirbelsäulenspezialist Oliver Meier. „Verspannte Muskeln können durch Dehnübungen geschmeidig gemacht werden.“ Auch Schwimmen oder Radfahren tun dem Rücken gut. Eine Sprossenwand im Kinderzimmer, eine Turnstange im Türrahmen oder ein Hula-Hoop-Reifen bringen Kinder in Bewegung.

Am Wochenende sollten in der Familie feste Bewegungszeiten eingeplant werden (z. B. der gute alte Sonntagsspaziergang oder eine Runde Fußball im Garten). Natürlich müssen sich Kinder auch mal richtig entspannen können.

Sogenannte Traktionsmatratzen aus Schaumstoff oder Naturlatex schaffen eine gute  Schlafposition: Sie strecken die Wirbelsäule und drücken die Belastung seitlich weg. Ein Mythos, der sich seit Jahren hält, ist hingegen der zu schwere Schulranzen. Wissenschaftler der Uni Saarbrücken fanden keinen Beweis dafür, dass er dem Kinderrücken schadet. Im Gegenteil: Eine Last von bis zu einem Drittel des eigenen Körpergewichts könne schwache Muskeln sogar trainieren.

 

Interview zur Mädchenkrankheit Skoliose:

Oliver Meier ist Chefarzt an der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen bei Kassel. Hier wurde
vor etwa 35 Jahren das Verfahren erfunden, gekrümmte Wirbelsäulen zu begradigen. Da vor
allem junge Skoliose-Patienten behandelt werden, hat die Klinik eine eigene Schule.

Frage: Skoliose ist eine angeborene seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule. Wer ist besonders davon beroffen?
Oliver Meier : Vor allem Mädchen vor und in der Pubertät. Bei Jungen sowie im Säuglings- oder Erwachsenenalter ist sie seltener.
Wie entsteht eine Skoliose?
Da ist sich die Wissenschaft noch nicht sicher. Eventuell sind unregelmäßiges Wachstum der
Rückenmuskulatur und der Wirbel der Grund dafür. Neueste Forschungsansätze beschäftigen sich auch damit, ob die sogenannte idiopathische Skoliose, eine Skoliose ohne konkrete Ursache, genetisch bedingt ist.
Wie erkennt man, ob ein Kind gefährdet ist?
Am besten erkennt man die Krümmung, wenn sich das Kind vorbeugt und man von hinten auf seinen Rücken blickt. Nach dem Sommerurlaub kommen die meisten Patienten. Am Strand sehen Eltern ihre pubertierenden Kinder nach langer Zeit ohne dicke Klamotten und sind oft erschrocken, wie schief die Wirbelsäule ist.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
So bald wie möglich. Denn die Behandlung kann nur in der Wachstumsphase erfolgen. Ich würde mir daher wünschen, dass Eltern ihre Kinder häufiger nackt sehen.
Wie sieht die Behandlung aus?
Zunächst versucht man, die Muskulatur mit Schwimmen, Radfahren und gezielter Krankengymnastik zu kräftigen. Ist die Krümmung schon fortgeschritten, kann ein Korsett den Rücken unterstützen.
Wann muss man operieren?
Pauschal kann man das nicht sagen. Wir raten jedoch zu einer OP, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und die Gefahr besteht, dass die Krümmung weiter fortschreitet. Dann können Organe geschädigt werden, und die Betroffenen haben ständig Schmerzen.
Kann man Skoliosen im Vorfeld verhindern?
Bei idiopathischen Verkrümmungen sind Bewegung zur Kräftigung der Muskeln und ein
normales Körpergewicht das Allerwichtigste.

 

Dieser Artikel entstand für das Magazin Focus-Schule 5/2010.

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